Latgallische Stereotypen unter der Lupe

1_minLeben in Latgale aus der Sicht eines EFD-Freiwilligen

Latgallische Stereotypen unter der Lupe

„Wenn man nach Latgale kommt, ist es als betrete man ein anderes Land.“ – so oder so ähnlich geht es vermutlich vielen Letten. Sowohl die Gesellschaft, Kultur als auch Natur grenzen sich von Lettland ab und deshalb gibt es viele, vor allem negative Stereotypen und auch Vorurteile über Latgale. Aber ob diese wirklich zutreffen wollen wir in diesem Artikel analysieren.

Als Recherche für diesen Artikel haben wir einige Letten gefragt, welche Stereotype sie überimage005_min Latgale und Daugavpils kennen oder selbst haben. Wir haben viele Antworten bekommen und wir würden gern unsere persönliche Meinung über diese Stereotypen preisgeben und so prüfen ob sie wirklich zutreffen. Dieser Artikel wird von Jeanne, einer belgischen Freiwilligen, die seit mehr als 6 Monaten in Daugavpils lebt, und von Madeleine, einer deutschen Freiwilligen, die auch seit rund 6 Monaten in Daugavpils lebt, geschrieben.

Beim Europäischen Freiwilligendienst (EFD), an dem wir beide teilnehmen, wird jungen Leuten zwischen 18 und 25 Jahren die Möglichkeit geboten in einem begrenzten Zeitraum ins europäische Ausland zu gehen. Dort arbeiten sie in einer gemeinnützigen Einrichtung oder Organisation und lernen gleichzeitig den Lebensalltag des jeweiligen Landes kennen.

image007_minÜber Latgale, Daugavpils und ihre Bewohner gibt es sicher viele Vorurteile. Es ist interessant zu sehen, dass Daugavpils oft von Latgale abgegrenzt wird. Viele sagen, dass „Daugavpils nicht wirklich zu Lettland gehört“ und wenn man nach Daugavpils kommt, „ist es als käme man in ein völlig anderes Land.“ In den letzten 6 Monaten habe ich bereits einiges von Lettland gesehen: große Städte wie Rīga, Liepāja, Daugavpils und kleinere wie Kuldīga, Sigulda oder Jurmala, sowie Land, Meer und Seen. Wenn ich zurück nach Daugavpils fuhr, hatte ich nie dieses Gefühl mich in einem anderen Land zu befinden. In Daugavpils gibt es Jugendstilgebäude wie in Riga, Holzhäuser wie in Kuldiga und eine Festung die sicher einzigartig ist. Ich finde die Leute hier genauso nett und freundlich wie in Riga.

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image010_minDaugavpils Festung

Unserer Erfahrung nach, sind einige Behauptungen wahr oder nicht weit entfernt davon, aber andere sind sichtlich übertrieben.

 „In Daugavpils leben nur Russen“. Diese Behauptung ist wohl die meist verbreitete. Es ist für mich immer interessant zu sehen, wie die Menschen hier sich selbst bezeichnen. Es gibt viele Einwohner mit russischem Hintergrund in Daugavpils, aber die Mehrheit hat doch die lettische Staatsbürgerschaft. In Belgien ist man, wenn man die Staatsangehörigkeit erwirbt, nicht mehr Marokkanisch, Vietnamesisch oder Französisch. Man ist Belgisch mit einer andere Herkunft. Aber zurück zum Thema. Die letzte Volksbefragung bestätigt, dass 52% der Bewohner von Daugavpils von russischer Nationalität sind. Diese Zahl zeigt deutlich dass es in Daugavpils nicht nur Russen gibt, aber sie sind sicher die vorrangige Nationalität. Noch interessanter für mich ist, wie viele andere Nationalitäten und Völker in Daugavpils leben. Die Letten sind selbstverständlich die zweitgrößte Gruppe, aber danach kommen noch Weißrussen, Ukrainer, Polen, und noch anderen! Diese Stadt ist deshalb nicht Russisch, sondern Multikulturell!   image013_min                              Quelle: „Office of Citizenship and Migration Affairs data in the beginning of 2012“

Auch besteht der Glaube, dass „in Daugavpils niemand Lettisch versteht“. Es ist klar, dass Daugavpils eine überwiegend russisch-sprachige und nicht lettisch-sprachige Stadt ist. Auf der Straße hört man hauptsächlich russisch, aber manchmal auch nicht. Ich habe z.B. vor kurzem bemerkt, dass in der Nähe der Universität, viel Lettisch gesprochen wird. Außerdem lernen inzwischen alle Lettisch in der Schule und es gibt auch lettische Muttersprachler in Daugavpils. Meine Erfahrung zeigt, dass man sich hier auch auf Lettisch verständigen könnte, wenn man es versucht. Oder man nutzt die Möglichkeit nach Daugavpils zu kommen um seine Russischkenntnisse zu verbessern und vielleicht sogar einen Russisch Kurs bei Muttersprachlern zu belegen.

image015_minÜber Latgale gibt es zudem den Glauben, dass die Mehrheit der „Bewohner katholisch sind und sehr religiös.“ Nun mir ist bekannt, dass die Basilika in Aglona sehr berühmt ist und es auch viele andere katholische Kirchen in Latgale gibt. Abgesehen davon bemerke ich keinen streng katholischen Glauben. Dieser Stereotyp mag also teilweise stimmen, äußert sich aber für mich kaum im Alltag. Natürlich kommt einem Letten aus z.B. Riga diese Region besonders katholisch vor, da der Rest Lettlands überwiegend protestantischen Glaubens ist. Dies hängt vor allem mit der Geschichte des Landes zusammen: Während der Reformation wurde Lettland stark von Norddeutschland und Skandinavien beeinflusst und so die Glaubenslandschaft grundlegend verändert. Nur Latgale blieb katholisch, da sie unter dem Einfluss des Königreiches Polen-Litauen stand. Mir fiel z.B. auf, dass auch heute noch die Menschen mit polnischem Immigrationshintergrund strenger katholisch sind, als andere Nationalitäten.

Das Vorurteil „die meisten Leute hätten ein Alkoholproblem“ kann ich nicht nachvollziehen, mir persönlich ist noch niemand mit schwerwiegendem Alkoholismus begegnet. Doch wurde mir berichtet, dass es in kleineren Dörfern mehr Alkoholmissbrauch geben soll. Dies liege daran, dass die Menschen außerhalb größerer Städte seltener Arbeit haben und deshalb eher zur Flasche greifen.

Auch sind viele der Ansicht, es gäbe viel Armut in Latgale. Statistiken zeigen, dass im regionalen Vergleich Arbeiter in Latgale die niedrigsten Löhne erhalten (Stand: 2004). Dies wurde mir von ortsansässigen Bekannten bestätigt. Es ist wohl war, dass Latgale wirtschaftsschwächer und „ärmer“ ist als andere Regionen Lettlands, allerdings ist es „nur“ eine relative Armut. Generell sind Menschen in Latgale nicht davon bedroht zu verhungern und auch die Städte sind nicht heruntergekommen, wie es sich einige wohl ausmalen, sondern sehr schön. Daugavpils z.B. hat eine besonders schöne Fußgängerzone und mehrere Parks die einen Besuch wert sind.

In Zusammenhang damit steht auch das Fehlen von Arbeitsplätzen. Viele junge Einwohner und Studenten beklagen wie schwer es ist einen Job zu finden und planen nach der Ausbildung Daugavpils zu verlassen. Durch „somit wenige Perspektiven für die Zukunft“ ziehen junge Leute weg und deshalb leben in Latgale mehr alte Menschen. Dies ist ein Stereotyp der sich bestätigt.

Aber es gibt natürlich auch positive Stereotype über die Region Latgale. So erkennen viele image017_mindie „wunderschöne Natur, die kaum von Menschen beeinfluss wurde“ an. Denn Latgale unterscheidet sich in seiner Landschaft vom Rest Lettland, es ist bekannt als „das Land der blauen Seen“. So finden sich hier zwischen Wäldern und Graslandschaften viele versteckte Seen, wie der größte See Lettland – See Lubans (82,1km²) und der tiefste See im ganzen Baltikum – See Dridzis (tiefste Stelle 63m). Auch der See Ezezers (siehe Bild) mit 36 Inseln und einer der klarsten Seen in Lettland – Velnezers sind schöne Reiseziele. Auch gibt es auf Grund der verschiedenen Religionen viele katholische und russisch-orthodoxe Kirchen zu besichtigen, die es im Rest von Lettland seltener zu sehen gibt. So ist die Basilika in Aglona ein beliebtes Ziel für Pilger. Die Kraft der Region wurzelt in der Töpfer- und Keramik-Kunst, im Backen von Schwarzbrot und anderen Handwerken, die man in den kleinen, niedlichen Dörfern finden kann. Aber auch große Städte wie Daugavpils und Rezekne haben einiges zu bieten, ob alte Festungen und Burgruinen oder moderne Shoppingzentren und ein vielfältiges Kulturprogramm. Somit besticht Latgale nicht nur mit seiner faszinierenden Landschaft.

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Latgallische Keramik und Olympic Center in Daugavpils

Auch kam als Antwort auf unsere Befragung: „Latgallische Leute sind sehr warmherzig, offen und gastfreundlich.“ Und diesen Stereotyp kann ich mit vollem Herzen bestätigen!

Stereotype sind nichts weiter als Bilder von Personengruppen, denen wir Eigenschaften oder Verhaltensweisen zugeschrieben haben. Aber Stereotype werden zu Vorurteilen, wenn wir z.B. das negative Verhalten einer Person auf eine ganze Personengruppe oder Region übertragen. Und schon Albert Einstein war überzeigt, „es ist leichter ein Atom zu zertrümmern, als Vorurteile abzubauen.“ Deshalb sollte man nichts und niemanden verurteilen ohne sich auf eigene Erfahrungen berufen zu können. So lange wir nicht urteilen bleiben nur die Stereotype und der beste Weg diese Stereotypen zu beseitigen ist einfach selbst einmal die Region Latgale zu besuchen und sich ein Bild zu machen.

„Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: Sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“

von Johann Wolfgang von Goethe

 

Quellen

http://www.choose-europe.de/was_ist.html

http://www.daugavpils.lv/en/society

http://www.latgale.lv/en/business/_economy

http://dau.lv/ld/latgale%28english%29.html

http://www.transkulturelles-portal.com/index.php/6/61

 

-Jeanne Wilmart und Madeleine Gerstner