Mana pils – Daugavpils

Mana pils – Daugavpils

Bericht der Europäischen Freiwilligen Pia Locher

Über 6 Monate ist es her, dass ich mit einer Propellermaschine der mir bisher unbekannten Fluggesellschaft AirBaltic von Frankfurt nach Riga geflogen bin. Ich hatte gerade mein Abitur bestanden und mich deswegen dazu entschlossen erstmal ins Ausland zu gehen. Warum gerade Lettland weiß ich auch nicht, ich wollte einfach mal etwas komplett Neues und hoffte das im Baltikum zu finden. Vom Flughafen ging es dann mitten in der Nacht in die Stadt, die für die nächsten 9 Monate meine Heimat sein sollte: Daugavpils. Meinen Europäischen Freiwilligendienst absolviere ich dort bei dem Verein „Erfolg“. Über diese Stadt, in der ich jetzt bereits ein halbes Jahr lebe, möchte ich im Folgenden meine Eindrücke und Erlebnisse schildern.
88Es lässt sich nicht leugnen, Daugavpils ist eine eher arme Stadt und immer mehr Einwohner ziehen nach Riga oder verlassen Lettland ganz. Manchmal hat man wirklich das Gefühl, dass die Zeit hier in den letzten Jahrzehnten einfach stehen geblieben ist und die Zeiten, in denen hier über    100 000 Menschen lebten, lange vorbei sind. Dennoch waren meine ersten Eindrücke, die ich bei meiner Ankunft im Oktober hatte, hauptsächlich positiv. In den vielen Parks zeigte sich der Herbst von seiner schönsten Seite und alles war voller Blumen. Die Stadt hat auch ein paar architektonische Highlights, wie die roten Backsteinhäuser und eine Festung, zu bieten. Bekannt ist sie auch für ihren Kirchenhügel, auf dem vier Kirchen verschiedener Konfessionen  nebeneinander liegen.

Natürlich war es auch eine große Umstellung für mich: Das erste Mal alleine leben und das auch noch in einem fremden Land. Besonders mit meiner neuen Wohnung hatte ich anfangs große Probleme. Ich wohne zwischen dem weißen Schwan und dem Zentralpark. Klingt romantisch, ist es aber nicht wirklich. Der weiße Schwan ist eines von Daugavpils’ Gefängnissen und man kommt beim Überqueren der Brücke den Häftlingen gespenstisch nah. Schnell war klar, dass ich von der Zentralheizung nicht viel erwarten durfte und  ich mich deswegen in den ersten Tagen hauptsächlich mit der Frage beschäftigt habe, wie ich den kalten Winter überstehen soll. Nachdem ich von der Ölheizung, über die elektrische bis zum Heizöfchen alles ausprobiert hatte, nahm ich mir dann endlich ein bisschen Zeit, um die Stadt zu erkunden. Dieses Vorhaben erleichtert in Daugavpils die Straßenbahn, die 1946 eingeweiht wurde und bei der sich zugegebenermaßen seit dem nicht viel verändert hat, was ihr einen besonderen Charme verleiht. Für die Passagiere ist es keine Überraschung mehr, 89wenn sie sich mal wieder von der Stromleitung abkoppelt oder es reinregnet. Die Tram ist schon ein Thema für sich und ich hab bisher auch noch niemanden gefunden, der das ganze Straßenbahnsystem durchblickt. Ich erinnere mich noch gut an meine erste Fahrt. Es war es schon sehr spät und obwohl es nur 3 Linien gibt, bin ich natürlich erst in die falsche Richtung und dann noch mal in die falsche Nummer gestiegen. Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass ich mit einem Staubsauger unterwegs war, den ich mir von Freunden geliehen hatte. Ich war dort also vollkommen allein in der Straßenbahn mit einem Staubsauger und ich glaube das war das erste mal, dass mir die Hilfsbereitschaft der Leute hier aufgefallen ist. Die Schaffnerin hat doch tatsächlich mitten in der Nacht eine Freundin angerufen, die Englisch konnte, weil ich so verzweifelt war und sie mich nicht verstehen konnte. Solche Erlebnisse hatte ich später noch öfter, egal ob auf dem Wochenmarkt oder im Supermarkt.

Womit wir auch schon beim Thema Sprache wären. Ich bin hier ohne Russisch- oder Lettischkenntnisse angekommen,  habe aber schnell gemerkt, dass man hier mit der lettischen Sprache nicht wirklich weiterkommt. Daugavpils ist unglaublich multikulturell und es leben viele Minderheiten hier. Obwohl wir uns in Lettland befinden, gehören dazu auch die Letten, die etwa 20% der Bevölkerung ausmachen. Den größten Anteil hat die russische Bevölkerung mit 54%, wobei ich hier auf das Schicksal der Nichtbürger, die keine Staatsbürgerschaft besitzen, aufmerksam geworden bin, was mich sehr erschreckt hat.

Außerdem gibt es hier viele Polen, Weißrussen und Ukrainer. All diese Faktoren führen dazu, dass man auf den Straßen und in den Geschäften fast nur russisch hört. Russisches Radio, Fernsehen und auch die meisten Zeitungen sind auf Russisch. Nicht ohne Grund ist Daugavpils als russischste Stadt der Europäischen Union bekannt und die internationalen Studenten kommen gerade aus diesem Grund hierher, um Russisch zu lernen. Ich muss sagen, dass mich diese ganzen fremden Sprachen anfangs sehr verwirrt haben, vor allem hab ich nach einiger Zeit festgestellt, dass es auch noch lettgallisch gibt, eine Sprache die nur in der Region Lettgallen gesprochen wird.

Selbst der Einkauf im Supermarkt stellt für mich immer noch eine Herausforderung da. Meistens versuche ich mit den Mitarbeitern in einer Mischung aus russisch und lettisch zu kommunizieren. Deswegen war ich froh, als ich festgestellt habe, wie viele deutsche Produkte ich hier finden kann und nach wenigen Tagen hab ich dann auch schon meine Lieblingsabteilung entdeckt: die Backwarenabteilung.

Wie ich bereits erwähnt habe kam ich im Herbst an, doch der lange Winter ließ nicht lange auf sich warten. Man hat wirklich das Gefühl, dass die Stadt in einen tiefen Winterschlaf versinkt. Auf den Straßen sieht man kaum noch Menschen und zugegebenermaßen wirkt im Winter alles sehr grau, 90daran konnte auch die übermäßig grelle Weihnachtsdekoration im Dezember nicht viel ändern. Daugavpils liegt wie man vom Namen her schon erahnen kann an der Daugava, einem der größten Flüsse in Lettland. Für mich war es unvorstellbar, dass ein Fluss von dieser Größe im Winter zufrieren kann, doch hier ist das tatsächlich möglich. Die Bewohner der anderen Flussseite können einfach über die Daugava zur Arbeit laufen. Ein weiteres Winterphänomen, dass ich hier entdeckt habe: Die Eisangler. Sie strotzen tagelang der Kälte und harren stundenlang auf den zahlreichen Seen Lettlands aus und das alles für Fisch. Diese Leidenschaft werde ich wohl nie ganz nachvollziehen können, vor allem wenn ich überlege, wie viel Paar Handschuhe oder Socken ich im Winter getragen habe und trotzdem Zuhause immer überprüft habe, ob meine Finger oder Zehen nicht doch schon abgefallen sind. In den kalten Tagen nutzte ich die Zeit vor allem für viel Kultur. Meine persönlichen Favoriten sind das Theater in Daugavpils und natürlich das Mark Rothko Center. Hier gibt es außerdem einen Zoo, der für mich allerdings eher ein kleiner Kulturschock war.

Inzwischen ist es schon Mitte April und der Frühling scheint sich langsam durchzukämpfen. Ich habe 91das Gefühl, dass die Stadt nun wieder zum Leben erwacht. Als ich heute über den Festplatz gelaufen bin stand dort ein großes buntes Osterei und auch in der Fußgängerzone hatte man kunstvoll bemalte Eier aufgestellt. Vor dem Einkaufszentrum haben ein paar Jugendliche einen kleinen Cafestand aufgemacht und man sieht immer eine kleine Menge Menschen davor, die sich fröhlich unterhalten. Ich bin glücklich, dass mir noch ein paar Monate bleiben, um diese Stadt im Sommer zu erleben und ich kann es nicht erwarten in einem der Seen  zu schwimmen und dort mit meinen Freunden zu grillen. Daugavpils ist inzwischen mein zweites Zuhause geworden. Ich habe hier einen geregelten Alltag und das Wochenende verbringe ich meist in einer Bar und Livemusik mit den Freunden, 92die ich hier gefunden habe und die zu meiner Familie geworden sind. Würde man mich heute wieder vor die Wahl stellen, ich würde mich wahrscheinlich wieder für Daugavpils entschieden. Das liegt sicherlich an den Menschen, die ich hier kennengelernt habe, aber auch daran, dass diese Stadt eben nicht perfekt ist, was sie für mich zu einer so viel interessanteren Erfahrung macht.