Roma in Lettland

1_minLettland ist kein großes Land – es ist etwas kleiner als Bayern und hat nur wenig über 2 Millionen Einwohner.  Doch nichtsdestotrotz verfügt dieses Land über großen kulturellen Reichtum, es bietet unzähligen verschiedenen Nationalitäten eine Heimat und vereint so verschiedenste Kulturen und Traditionen.

Gemäß gegenwärtiger Statistiken leben 8500 Roma in Lettland, die Zahlen variieren allerdings stark.

Andere sprechen von 12000 oder sogar mehr. Die Zuordnung fällt schwer, denn etwa 95% der Roma haben die lettische Staatsbürgerschaft, es gibt zahlreiche gemischte Ehen und viele verleugnen ihre Herkunft aus den verschiedensten Gründen.

Die Roma kamen vor über 200 Jahren aus verschiedenen Regionen nach Lettland, und noch heute können Kenner der Romakultur anhand spezifischer Merkmale wie Größe oder Besonderheiten in der Sprache die Herkunft der jeweiligen Person erkennen – Roma aus skandinavischen Ländern sind zum Beispiel tendenziell kleiner als diejenigen, deren Vorfahren aus Russland stammten.

Entgegen des Klischees der Roma als „fahrendes Volk“ sind die meisten Roma bereits seit Generationen sesshaft und reisen nur noch zum Vergnügen.

Die Romagemeinde hat sich dem Lebensstil der anderen Bürger angepasst, so erlernen sie neben ihrer eigenen Sprache meist noch eine zweite, in der Regel die gängigste in der jeweiligen Umgebung, in Lettland also lettisch oder russisch.

Die Romagemeinde behält aber doch noch den Großteil ihrer Kultur, die die tiefe Verwurzelung im Glauben. Üblicherweise nehmen die Roma den Glauben der Mehrheit an, und so sind sie in Lettland überwiegend katholisch oder evangelisch.

Zusätzlich zu religiösen Vorschriften, die in der Regel strikt eingehalten werden (wobei  die jüngere Generation nicht mehr so streng gläubig ist wie ihre Eltern und Großeltern, gehorchen die Roma auch ihrem Kodex, dem Romanipen. Der Kodex schreibt verschiedene Verhaltensweisen vor, zum Beispiel die Unterstützung der Roma untereinander. Rechtsprechung ist Sache der Roma, keinem Roma ist es erlaubt, einen anderen an die Behörden oder Polizei zu verraten, stattdessen beschließt die Romagemeinde untereinander eine geeignete Strafe.

Der Kodex regelt aber auch andere Belange des täglichen Lebens, er umfasst zum Beispiel Reinheitsvorschriften sowie Regel über die Bekleidung der Frauen: Gemäß des Kodexes ist nötig, dass sie ausschließlich Röcke tragen.

Zu den Geschlechterrollen der Roma lässt sich sagen, dass sich die Aufgaben der Männer und Frauen kaum unterscheiden, beide arbeiten im Haushalt mit und verdienen Geld, wobei die Frau in der Regel die Ernährerin der Familie ist.

Trotzdem hat die Frau die Aufgabe, ihrem Ehemann zu gehorchen und ihr zu ehren, und auch der „Raub“ von Frauen kommt vor, wenn auch nur noch sehr selten.

Junge Roma heiraten meist sehr jung, die hochzeiten sind prunkvoll, denn die Eltern des Bräutigams müssen  durch das Fest und prachtvolle Geschenke für ihre neue Schwiegertochter „bezahlen“ und den Brautvater für den Verlust einer Tochter und ihrer Arbeitskraft entschädigen.

Die Hochzeit ist ein großes Fest, traditionell mit musikalischen Darbietungen, einem umfangreichen Buffet und den traditionellen Kleidern. Das Kleid der Braut ist weiß, allerdings tauscht sie es nach Mitternacht gegen ein rotes ein, was das Ende ihrer Unschuld bedeuten soll.

Überhaupt wird von den Mädchen verlangt, dass sie ihre Unschuld bis zur Hochzeit behalten, nur dann können sie so eine Zeremonie bekommen.

Junge Roma heiraten oft sehr jung, generell kann man sagen, dass die Jugendlichen früh erwachsen werden und sich um Familiengründung, Geld verdienen und andere Fragen des Lebens kümmern wollen, was es für sie häufig schwer macht, sich dem Schulsystem ihres Landes unterzuordnen.

Das hat zur Folge, dass viele Roma weder eine abgeschlossene Ausbildung noch einen normalen Arbeitsplatz haben, weshalb viele Familien finanzielle Probleme haben.

Und obwohl viele angehörige der Romagemeinde sehr kreativ sind, wenn es darum geht ihre Familie zu ernähren, ist dieses Problem jedoch kaum zu leugnen.

Im letzten großen Romaweltkongress in Belgrad, Serbien, wurde diese Frage besonders intensiv diskutiert.

Etwa hundert einflussreiche Mitglieder der Romagemeinde aus 40 verschiedenen Ländern diskutierten diese Frage. Lettland wurde vom Vorsitzenden des Vereins „Nevo Drom  D“, V. Nefjodovs vertreten, der später auch ins Internationale Romaparlament gewählt wurde.

Das Ergebnis der Diskussion war ein einfacher Lösungsansatz: die Romabarone sollen ihren Gemeinden ein Vorbild sein und sie dazu animieren, sich ihrem Umfeld stärker anzupassen und den bürgerlichen Lebensstil zu adaptieren.

Da die Gemeinde ihren Oberhäuptern zwar gehorcht und ihre Ratschläge annimmt, sollte diese Strategie erfolgreich sein – das große Problem allerdings ist, dass viele Roma mit ihrem gegenwärtigen Lebensstil zufrieden sind und nun einfach zusammenreffen mit ihren Anführern vermeiden.

Es bleib also abzuwarten ob der Kongress erfolgreich war und wie sich die neue Situation auf Tradition und Kultur auswirkt.

In Lettland hat sich allerdings schon einiges getan um diese Probleme zu lösen: Um die die Kultur der Roma zu popularisieren, Stereotype abzuschaffen und die Romagemeinde besser zu integrieren, wurden  in Lettland verschiedene Romavereine gegründet.

In Daugavpils, der zweigrößte Stadt Lettlands, gibt es zwei Romavereine : „Nevo Drom D“ und „Me Roma“. Die Vereine arbeiten aktiv mit dem Verein der Dünaburger Deutschen „ERFOLG“ zusammen, wie zum Beispiel im Projekt „Integrationsschule“, das mit der Unterstützung des Programms „Jugend in Aktion“ umgesetzt wurde.
image005_minDieses Projekt bot jungen Schülern Hilfestellung bei der Auswahl des geeigneten beruflichen Werdeganges. Sie bekamen die  Gelegenheit ihre Kenntnisse und Fähigkeiten zu entdecken und ihr kreatives Potenzial zu fördern und weiterzuentwickeln. Ziel dieses Projektes war es,den Jugendlichen Berufsmöglichkeiten in ihrer Umgebung aufzuzeigen und sie dazu anzuleiten, sich aktiv für ihre Zukunft zu engagieren. Die Teilnehmer der Integrationsschule erhielten zahlreiche Informationen über alle erfolgreichen Unternehmen in der Stadt, und wie sie am besten eine Beschäftigungsmöglichkeit ergattern können. Es wurde erklärt wie man

einen Lebenslauf schreibt, zudem wie man sich in einem Vorstellungsgespräch zu verhalten hat. Die Teilnahme an den verschiedenen Workshops hat den Teilnehmern sehr geholfen.

Schließlich bekam jeder Teilnehmer für die aktive Beteiligung am Projekt das in ganz Europa anerkannte Zertifikat „YOUTHPASS“ verliehen. Darauf wurden die erworbene Kenntnisse nochmal zusammengefasst.

 

Teilnehmer der Integrationschule aus der Romagemeinde, Vorsitzender des Romavereins „Nevo Drom D“ V.Nefjodov, die Vertreterin der Nationalagentur Lettlands des Programms „Jugend in Aktion“ A. Lorence, Vorsitzende des Vereins der Dünaburger Deutschen „ERFOLG“ O. Jesse

image007_min

Kreative Workshops

image009_minDie Abschlussfeier         

Noch ein Projekt von „Nevo Drom D“ wird von der Soros-Stiftung unterstützt.

image011_minZusätzlich zur „Integrationsschule“ setzte sich „Nevo Drom D“ auch für die Schaffung einer Farm ein, auf der Kaninchen und Hühner gehalten werden. Die Romagemeinde ist für die Bewirtschaftung und Verwaltung des Betriebs verantwortlich, und soll so wieder zu strukturiertem und regelmäßigem Arbeiten angeleitet werden.

image013_min

Auch der zweite Romaverein in Daugavpils, „Me Roma“, ist aktiv, besonders im Bereich der Jugendarbeit. Mit Hilfe des Programms „Jugend in Aktion“ haben sie eine Musikgruppe ins Leben gerufen, die sich das angeborene Rhythmusgefühl und musikalisches Talent der Roma zunutze macht: Beim gemeinsam Tanzen, Singen und Musizieren wird nicht nur die Romakultur erhalten, die Jugendlichen werden auch in ihrem Sozialverhalten gefördert. Im Moment bereitet die Musikgruppe ein umfangreiches Konzertprogram vor, was nicht nur eine Bereicherung für das kulturelle Angebot der Stadt sein wird, sondern auch eine Herausforderung für die Jugendlichen ist, und ihr Verantwortungsbewusstsein auf eine Probe stellt.

In der aktuellen Entwicklung zeichnet sich ab, dass vor allem junge Roma verstärkt Wert auf ihre Ausbildung legen. Es gibt bereits einige Roma in gehobenen Positionen und besonders in gemischten Ehen, in denen ein Elternteil „Gadjo“ (nicht-roma) ist, hat sich die Situation stark in positive verändert.

Es bleib nun abzuwarten, wie sich die Entwicklung fortsetzt, im Moment lässt sich lediglich sagen, dass die Entwicklung eine positive ist.